Interdependenz erkennen – aus der Reihe „Achtsamkeit und Nachhaltigkeit“

24. August 2016

2016 ist für viele Menschen ein Jahr des Schreckens. Terror, Unsicherheit, Jahre des Stillstands sowie Spaltung in der Gesellschaft. Für sehr lange Zeit schien es, als ob finanzieller Wohlstand bis in das Unendliche wachsen und uns das Glück bescheren könne. Wir nahmen an, dass Produktivitätssteigerung, Globalisierung, ein regulierter Markt sowie freier Handel ausreiche, um uns monetären Segen und damit Glück zu erteilen. Seit dem Zusammenbruch der Weltfinanzmärkte, die wachsende Spaltung in der Gesellschaft zwischen Armen und Reichen und den Gefahren des Terrors, sind viele dieser Vorstellungen geplatzt. Es hat den Anschein als ob uns lang anbahnende Konsequenzen, die unumgänglichen Effekte unserer bereits vollbrachten Handlungen, einholen.

Gleichzeitig wächst die Erkenntnis, dass diese Schrecken uns von einem ganz anderen Problem, was in seiner ganzen Konsequenz schwer einzuschätzen ist, ablenken. Wir fangen an zu realisieren, dass die menschliche Zivilisation einen tiefgründigen, unvorhersehbaren und auch einen sichtlich unumgänglichen Einfluss auf die allgemeine Umwelt hat. Dieser Einfluss ist so tiefgründig, dass man bis dato noch nicht sagen kann, welche Bereiche der Erde er nicht beeinflusst. Unvorhersehbar ist ihr Einfluss, weil wir nicht wissen, was für Auswirkungen es haben wird, welche Reaktionen darauf folgen werden und wohin diese führen könnten. Und doch ist es unumgänglich – es ist klar, dass eine Kettenreaktion von Geschehnissen ausgelöst wurde, die wir nicht in der Lage zu beenden sind.

Unser Lebensstil im 21sten Jahrhundert stellt hohe Ansprüche an die Umwelt. Wir verbrauchen mehr und mehr Energie wie zum Beispiel fossilen Brennstoff, Nutzholz und Wasser, ohne uns darüber im Klaren zu sein, welche Effekte solches Handeln haben wird. Wir denken, dass wir alle möglichen Apparate, Spielzeug und Maschinen brauchen ohne innezuhalten und darüber nachzudenken, ob sie uns wirklich nützlich und wichtig sind. Manchmal scheint es als ob es kein natürliches Ende zu dem Maß menschlichen Verlangens gibt. Es gibt aber ein Ende zu dem Maß, in dem Mutter Erde uns versorgen kann. Wir können es uns nicht leisten unser Verlangen bis ins Unermessliche zu schüren. – 17. Karmapa

Für mehr als ein Jahrhundert ließen uns die Vorzüge moderner Technologien, sozialer Entwicklung und materiellem Fortschritt uns als Herrscher der Welt fühlen. Wir haben die Folgen unserer Handlungen nicht vollständig kontempliert und jetzt holen uns die Konsequenzen ein.

Gegenseitige Abhängigkeit – Interdependenz

Es ist Winter und ich würde gerne einen Apfel kaufen. In Deutschland wachsen im Winter keine Äpfel. Sie wachsen aber, in unserem Winter, in Chile. Solche Äpfel, die in den Bäuchen von Flugzeugen aus Chile eingeflogen werden, kann man in meinem Supermarkt nebenan kaufen. Aber als ich gerade dabei bin einen Apfel zu kaufen, muss ich an das ganze Kohlendioxid denken, dass beim Fliegen ausgestoßen wird. Ich zögere. Es werden auch deutsche Äpfel angeboten. Sie werden monatelang in großen Hallen und einer Formaldehyd-Atmosphäre gelagert und gekühlt. Ich habe mal gehört, dass durch den Einflug der Äpfel aus Chile weniger Kohlendioxid ausgestoßen wird, als wenn man sie hier anbaut und lagert. Jemand anderes erinnerte mich daran, dass Obst einer der größten Fortschrittsantreiber für Länder wie Chile ist und dass genau wegen der Früchte der Lebens-, Bildungs- und Lebenserwartungsstandard gestiegen ist. Ich weiß aber auch, dass die Landwirtschaft in Deutschland ein Knochenjob ist und viele Bauern in Armut leben. Ich weiß nicht wofür ich mich entscheiden soll. Eigentlich wollte ich nur einen Apfel kaufen und jetzt bin ich durch einen seidenen Faden mit Kindern in Chile und Bauern aus der Nähe des Bodensees verbunden.

Der moderne Alltag – mit all seinem Reichtum an Information und Globalisierung – hat gezeigt, dass unser Leben voll mit gegenseitigen Abhängigkeiten ist. Beim Einkaufen in Köln trete ich mit vielen Teilen der Erde in Kontakt. Ich treffe Entscheidungen, die Menschen beeinflussen, die ich nie kennen lernen werde und deren Sprache ich nicht verstehe. Wenn wir uns dem öffnen, können uns die Lehren der Interdependenz berühren. Was der Buddha sitzend unter dem Bodhi-Baum realisiert hat, können wir bei Aldi oder Lidl realisieren. Alle Dinge sind miteinander verbunden. Mein Apfel hat keine unabhängige Existenz. Ohne Chile existiert mein Apfel nicht. Er hat keine unabhängige Existenz unabhängig von den Kindern in Chile.

Wenn dieses ist, ist jenes. Das Entstehen von diesem, führt zu dem Entstehen von jenem. Wenn dies nicht ist, ist jenes nicht. Das Ende von diesem führt zu dem Ende von jenem.   – pratītyasamutpāda

Der angesehene Mönch, Thich Nhat Hanh benutzt die Redewendung „gegenseitiges Sein“ um die buddhistischen Prinzipien der Vergänglichkeit und den Charakter des Nicht-Selbst darzustellen, welche die gegenseitigen Abhängigkeiten aller Dinge enthüllen. Der Dalai Lama hat diese gegenseitigen Abhängigkeiten sehr deutlich dargestellt:

Unsere Umwelt spielt nicht nur für diese Generation eine große Rolle, sondern auch für die folgenden. Wenn wir die Umwelt auf extreme Weise ausbeuten, selbst wenn wir daraus Geld oder einen anderen Nutzen ziehen können, werden es im Endeffekt wir selbst sein die leiden. Die folgenden Generationen werden auch leiden. Wenn sich die Umwelt verändert, verändern sich auch die Klimabedingungen. Verändern sie sich drastisch, verändern sich auch Wirtschaft und andere Bereiche. Die Veränderungen können auch großen Einfluss auf unser körperliches Wohlbefinden haben. Also stellt sich nicht nur eine moralische Frage, sondern auch die Frage nach unserem eigenen Überleben.

Wenn wir uns von dieser Wahrheit tief berühren lassen, leben wir wie jemand in einem verworrenen Dornen- oder Spinnennetz. Wir müssen lernen achtsam zu leben. Es ist uns nicht möglich die Konsequenzen all unserer Handlungen zu begreifen. Alleine wenn wir an unseren Konsum, unsere Reisen, unseren Energieverbrauch oder unsere Geldanlagen denken, können wir die endlose Kette von Interdependenz entdecken.

Wir dürfen uns auch nicht in Zögern verfangen, denn sonst hören wir auf zu leben. Über jede Konsequenz unseres Handelns nachzudenken würde uns so paranoid machen, dass wir jegliche Handlung einstellen und somit aufhören würden zu leben. Wir können nur leben, wenn wir unseren Lebensweg mit Achtsamkeit beschreiten. Es ist die Grundlage der Achtsamkeits-Praxis zum gegenwärtigen Moment zurückzukommen. Achtsam im Hier und Jetzt zu sein und der Welt mit Achtsamkeit zu begegnen.

Autor: Chris Tamdjidi