Authentisch Eltern Sein

1. Juli 2013

Für viele Eltern ist das Großziehen der Kinder oft eine Belastung – verbunden mit Stress, der sie von ihrem eigentlichen Leben und ihrer eigenen persönlichen Entwicklung vermeintlich ablenkt. Dann wieder möchten Eltern natürlich „gute“ Eltern sein und ihren Schützlingen einen perfekten Start ins Leben bieten. Wie können Meditation und Achtsamkeitspraxis verbunden mit Wertschätzung beim „Eltern Sein“ nützlich sein? Wonach sehnen sich Kinder und was wünschen sie sich von den Eltern? Wie kann man eine authentische Bindung mit seinen Kindern schaffen, die gesundes Wachstum und Entwicklung ermöglicht?

Meditation üben

Wenn wir uns in der Disziplin der Meditation üben, fangen wir bei uns selber an: jedes Mal, wenn wir die Meditationshaltung einnehmen und unsere Achtsamkeit auf dem Atem ruhen lassen, beginnen wir, unseren Geist auf eine ganz grundlegende Weise zu entspannen. Wir sehen unsere Gedanken und Gefühle ohne sie zu beurteilen und kommen immer wieder zu unserem Atem zurück. So nähren wir uns und verbinden uns mit der offenen und unbedingten Natur unseres Geistes jenseits all unserer Hoffnungen und Befürchtungen. Solch sanfte und sehr persönliche Disziplin übt uns in Achtsamkeit und Offenheit und in einer Haltung der Wertschätzung, die über die Idee von Loben und Tadeln hinausgeht. Das ist, was wir wirklich im Leben mit unseren Kindern brauchen: Offenheit und Wertschätzung, die eigentliche Disziplin der Elternschaft, die es zu üben und auszustrahlen gilt.

Achtsamkeit im Leben mit Kindern üben

Was Kinder von Eltern in erster Linie brauchen, ist Achtsamkeit. Kinder leben im Hier und Jetzt, nicht in der Zukunft und nicht in der Vergangenheit. Wenn wir jedoch stets beschäftigt sind und uns von unseren Sorgen und Plänen aus dem gegenwärtigen Augenblick hinaus katapultieren lassen, dann begegnen wir unseren Kindern nicht. Eltern können ihr ganzes Leben damit verbringen, ihre Kinder zu verpassen.
John Kabat-Zinn schreibt über die Bedeutung von Achtsamkeit auf dem Pfad des Elternseins:

Achtsamkeit ist nicht wertendes Gewahrsein in jedem Augenblick (… und) gibt uns Eltern auf dem Pfad die Möglichkeit, einerseits die eigenen alten Verhaltensmuster zu durchdringen und andererseits die Kinder wirklich so zu sehen, wie sie sind, so dass wir tatsächlich aus Mitgefühl und Weisheit handeln.


Wenn wir dies üben, werden wir schnell feststellen, dass wir im Grunde mehr an uns als an unseren Kindern arbeiten. Denn es sind unsere eigenen Gedankenmuster, Erwartungen und Gefühle, die uns aus dem gegenwärtigen Moment hinaus tragen. Wir können auch mit den Kindern gemeinsam üben, achtsam und gegenwärtig zu sein. Wir können uns mit ihnen aufs Meditationskissen setzen und versuchen wirklich da zu sein. Kinder spüren unsere Zugewandtheit und gehen wunderbar darauf ein und öffnen uns ihre Welt. Das ist der Weg, mit ihnen von Herz zu Herz eins zu sein.

Aufgeben üben

Zur Disziplin des Elternseins gehört auch zu üben, wie man Territorien aufgibt und eigene Vorstellungen loslässt; wie man beispielsweise auf den Wunsch nach Ruhe verzichtet – besonders nachts -, oder wie man die Idee stets sauberer Kleidung aufgibt und die Hoffnung auf spontane Restaurantbesuche. Es gilt auch in Frage zu stellen, wie viel Zeit und Energie wir dem fordernden Arbeitsmarkt zur Verfügung stellen und wie viel Gewinn und Ansehen wir bereit sind, zu Gunsten unserer Kinder aufzugeben. Kinder können unser Selbstbild und unsere Zielvorstellungen in Frage stellen. „Moderne“ Erziehungsratgeber vermitteln wohl deshalb Strategien, Kniffe und Tricks, wie wir unsere Kinder möglichst reibungslos in unseren bisherigen Lebensplan einpassen können. All diese Manipulationen geben uns jedoch das Gefühl, unsere Kinder als „Feinde“ betrachten zu müssen, gegen die wir uns zu verteidigen haben. Manchmal – vielleicht gerade dann, wenn unsere Bemühungen von Erfolg gekrönt sind – spüren wir, dass da etwas nicht stimmt, dass die „Verwaltung“ unserer Kinder weder sie noch uns glücklich macht.

Im Grunde erziehen die kleinen Kinder ihre Eltern zu einer Haltung von Verantwortlichkeit.


Trungpa Rinpoche
Aufgeben und Loslassen unserer unreflektierten Normen ist der Ausgangspunkt auf dem Weg. Wenn wir das einmal anerkannt haben, werden wir auch das Elternsein direkt und ehrlich erfahren und unseren Kinder liebende Fürsorge zukommen lassen.

Werde, der du bist

Wenn wir uns darin üben, unsere Kinder unvoreingenommen wahrzunehmen, geben wir ihnen die Chance das ihnen innewohnende Potential zu entfalten. Manipulation wird überflüssig. Voraussetzung dafür ist, dass wir uns unsere eigenen Erwartungen, Wünsche, Ambitionen bewusst machen und sie nicht auf unsere Kinder übertragen. Dann können wir ihnen die Botschaft vermitteln „werde, der du bist“, und das fängt mit den vermeintlichen Kleinigkeiten des Alltags an. Wenn unser Kleinkind einen Wutausbruch hat oder unser halbwüchsiges Kind sich in Suchtmustern mit seinem Computer oder Alkohol verwickelt, können wir versuchen wirklich zu spüren, was dahinter steckt: Schmerz oder unerfüllte Sehnsucht. Wir können ihnen unser Herz öffnen und mit ihnen fühlen statt peinlich berührt, wütend oder panisch zu sein. Das ist, wonach sich unsere Kinder sehnen: dass wir ihre Erfahrungen anerkennen und mitfühlen und nicht verleugnen.


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