Interview „Wie vor Was“

15. April 2014

Meditation ist seine Leidenschaft seit über 30 Jahren. Karl Ludwig Leiter hat ein Buch geschrieben, das am 21. April erscheint.

Erfahren Sie in diesem Interview mit dem Autor mehr darüber, was Sie in dem Buch erwartet.

Frage: WIE VOR WAS – das ist ein sehr ungewöhnlicher Titel. Wie kommen Sie darauf?

karl-lKarl Ludwig Leiter:  WIE und WAS sind Frageworte. Und wie in fast allen Fragen liegt in der Frage die Antwort schon drin. Das WAS ist die feste Welt. Die Welt der konkreten Formen, die materielle Welt, die Substanz und Schwere hat. Das, an dem wir uns festhalten wollen und das, was uns Sicherheit gibt. „Hast Du WAS, bist Du WAS!

Das WIE ist die fließende Welt. Die Welt der Ideen und der emotionalen Intelligenz. Eine Welt voller Möglichkeiten und voller geschickter Mittel. Das WIE ist eine luftige Welt, eine, die kreativ ist und neue Wege findet.“ Know how – gewußt WIE“

WAS ist die Erde und WIE ist der Himmel. Nur der Mensch kann Himmel und Erde zusammen bringen. Hier werden Konzepte und Ideen Wirklichkeit, hier lernt alles Schwere über sich selbst hinaus zu wachsen. Tonnenschwere Flugzeuge können fliegen, weil ein kluger Mensch herausgefunden hat, WIE das gehen könnte.

WAS ohne WIE ist oft dumpfer seelenloser Materialismus, WIE ohne WAS ist oft vergeistigte Spinnerei im luftleeren Raum. Es ist eine Frage der Gewichtung und der Hierarchie: WIE kommt VOR dem WAS, weil die Art, WIE man Dinge sieht und tut jedes WAS verändern, verwandeln und verzaubern kann. Von daher: Zauberformel.

Frage: „Zauberformel“ für Zufriedenheit und Zuversicht – Wie meinen Sie das denn ?

Karl Ludwig Leiter:  Zauberformel – das klingt nach Magie und Hexerei. Hier ist kein Hokuspokus-Spruch gemeint, der wie durch ein Wunder Unmögliches möglich macht. WIE VOR WAS ist eine Lebenshaltung. Eine Methode, wie man selbst widrige Umstände im Leben transformieren und verwandeln kann. Dass man z.B. durch Grosszügigkeit und Toleranz glücklicher wird, als durch Egoismus und Rücksichtslosigkeit … das ist Erfahrung und keine Zauberei. Der, der das weiß, hat eine Formel für sein Glück.

„Was Du nicht willst, was Dir man tu, das füg auch keinem andern zu.“ … auch das ist eine Zauberformel. Wenn ein Mensch beispielsweise nach dieser Maxime lebt, dann hat er gute Chancen, ein frohes und erfülltes Leben zu führen. Die Magie des Lebens liegt in den einfachen Dingen. Wer seinen Alltag wach und mit Achtsamkeit erlebt, kann erkennen, dass die ganze Welt und JEDES Detail in unserem Leben voller Magie und Zauber ist.

Frage: Laut Kurzbeschreibung ist eine der Kernaussagen Ihres neuen Buches: „Setzen Sie sich hin und tun Sie nichts“. Würden Sie das näher erläutern?

Karl Ludwig Leiter:  Sich hinsetzen … damit meine ich Meditation im Sitzen. SIT-ZEN ist die einfachste Form traditioneller Meditation. Es ist die gleiche Übung, die der historische Buddha vor über 2500 Jahren praktiziert hat. Stilles Verweilen. Achtsames zur Ruhe kommen. Mit sich selber und in sich selber in Frieden verweilen. In Sanskrit heißt diese Übung „Shamatha – In Frieden verweilen“. Durch diese klare und einfache Übung haben Millionen von Menschen tiefe und nachhaltige Einsicht in ihr wahres inneres Wesen erlangt.

In der westlichen Welt – und vor allem in der stetig wachsenden Esoterik-Industrie der letzten Jahrzehnte – wird ein unnötiges Brimborium um diese einfache Übung gemacht. Davon wurden und werden eine Art spiritueller Überflieger angezogen und andere – rational und emotional „normale“ Menschen – wurden und werden von diesen esoterischen Ausnahmezuständen eher abgeschreckt.

Meditation ist sehr bodenständig. Nichts besonderes. Einfach nur still sitzen und nichts tun. Nicht ein besserer Mensch werden wollen, nicht anders sein zu wollen, als wir schon sind. „Werde, der Du bist“ – hat Nietzsche gesagt. Werde nicht jemand anderes. Erwache zu Deinem inneren Potential und lass all die Spinnerei los, die Dich davon abhält, genau das zu sehen.

Meditation ist eine Übung des Loslassens. Lassen … nicht tun. Machen, tun, schrauben, rennen, kontrollieren, manipulieren … das machen wir 24 Stunden lang – jeden Tag. Meditation ist eine Übung, in der wir vielleicht eine halbe Stunde lang NICHTS tun, NICHTS verbessern, optimieren, erreichen oder erlangen müssen. Oder wie es in der Prajnaparamita-Sutra, dem berühmten Herz-Sutra heißt: „Es gibt kein Erlangen und kein Nicht-Erlangen“.

Frage: Wenn ich die Überzeugung habe, alles ist vorherbestimmt – warum sollte ich dann überhaupt noch etwas tun, um etwas zu erreichen? Wenn ich allerdings die Überzeugung habe, dass nichts vorherbestimmt ist – ich also „frei“ bin, was sollte ich dann „erreichen“?

Karl Ludwig Leiter:  Dass alles vorherbestimmt ist, mag ich persönlich nicht glauben. Und wissen kann ich das schon gar nicht. Als Kind bin ich so erzogen worden, dass jemand mein Schicksal lenkt und alles im Auge hat. Selbst, wenn dieser jemand ein unendlich lieber und endlos wohlmeinender Gott ist – dann ist Ihre oben gestellte Frage die logische und folgerichtige Konsequenz daraus: “ Warum sollte ich dann überhaupt noch etwas tun, um etwas zu erreichen?“

Die Antwort auf diese Frage kann fast nur eine lebensverneinende sein. Eine, die aufgegeben hat, etwas ändern zu können, etwas ändern zu wollen. Mit diesem Fatalismus sind unzählige Generationen von Menschen letztendlich im Nihilismus versunken und ertrunken. WIE VOR WAS ist eine lebensbejahende Formel. Eine, die die Erde und die Menschen liebt. Eine, die dieser Erde und diesem Himmel über uns treu bleibt. Weil wir untrennbarer Teil dieser Erde sind … und weil diese Erde gut und wunderschön ist.

„Wenn ich allerdings die Überzeugung habe, dass nichts vorherbestimmt ist – ich also „frei“ bin, was sollte ich dann „erreichen“?

Diese Frage wirft weitere Fragen auf: Was ist „frei“? Gibt es das, – was wir Freiheit nennen – überhaupt ? Das, was wir „ICH“ nennen, ist an unendlich viele Bedingungen und Abhängigkeiten gebunden. ICH bin frei ? Ein Fisch im Aquarium fühlt sich an manchen Tagen vermutlich auch frei …

Und in Ihrer Frage nach dem „Erreichen“ liegt die Antwort auch schon drin. Etwas erreichen wollen kann ja nur der, der ein Ziel hat. Das Ziel des zu Erreichenden liegt jenseits von dem, WER oder WAS wir sind. Wir suchen meist aus einem Gefühl von Mangel heraus nach etwas anderem, als das, was wir bereits haben.

Meditation ist eine Einladung, sich auf das einzulassen, WAS wir bereits sind. Durch einfaches still in sich ruhen könnten wir feststellen, WIE die Welt ist. Dass sie – genau so wie sie ist – grundlegend gut und in Ordnung ist. Es ist die natürliche Ordnung von Himmel, Erde und Mensch. In diese allem Leben innewohnende natürliche Hierarchie kann man sich einklinken oder davon getrennt sein.

Und die Methode, das zu tun ist die Methode des Nicht–Tun. Shamatha Vipassyana oder Zazen – wie es die Zen Buddhisten nennen. Meditation. Vielleicht hat das aber auch Ihre Oma schon praktiziert, wenn sie stundenlang aus dem Fenster geschaut hat und ihre Achtsamkeit sich selbst mit den ziehenden Wolken in weiten Horizonten vergessen hat.

Frage:  Niemand kann sagen, dies oder das ist „richtiger“ als das andere. Wie komme ich aus diesem Dilemma heraus?

Karl Ludwig Leiter: Hier würde ich gerne eine Geschichte aus meinem Buch WIE VOR WAS zitieren, wenn es der Platz erlaubt:

Der blinde Derwisch

Während eines Meditationsseminars im Tessin erzählte einer der Teilnehmer zum Thema „Der Weg von Shambhala“ eine Geschichte. Genau genommen war es ein Ausschnitt aus einem tunesischen oder marokkanischen Film, der bei den Filmfest-spielen in Locarno gelaufen war und der sehr gute Kritiken bekommen hatte.

Die Story ging so: Ein alter blinder Derwisch – ein Meister der Sufitradition des Islam – ging durch die Wüste. An seiner Hand ein kleines Mädchen. Sie war seine Enkelin und sie führte den blinden Großvater, der am Stock gestützt ohne ihre Hilfe in der Wüste verloren gewesen wäre. Gegen Abend erreichten die beiden eine Oase mitten in der Wüste.

Dort waren schon viele Derwische aus den unterschiedlichsten Ländern zusammengekommen, weil sie sich alle an einem bestimmten Ort noch tiefer und weiter in der Wüste zu einer Versammlung treffen wollten. Das war ein Hallo und eine Freude, sich nach langer beschwerlicher Reise an diesem Rastplatz wiederzusehen. Stündlich kamen neue Derwische. Zu Fuß, mit Kamelen … und man erzählte sich, einige seien sogar herbei geflogen.

Man kannte sich. Man aß und trank Tee zusammen, hockte um Feuerstellen, erzählte sich Geschichten und lachte. Es herrschte eine ausgelassen frohe Stimmung. Viele kannten sich seit Jahren. Alle waren Teil einer uralten spirituellen Tradition und alle hatten das gleiche Ziel. Das ausgelassene Treiben schien kein Ende finden zu wollen, doch langsam wurden auch die letzten müde. Die Sterne breiteten einen Funkelteppich aus und jeder suchte sich einen Schlafplatz für die Nacht.

Früh am nächsten Morgen weckte der Großvater sein Enkelkind. Rings um sie her war schon geschäftiges Treiben. Satteltaschen wurden gepackt, Kamele beladen. Keiner wollte zu spät kommen zum großen Treffen mitten in der Wüste. Manch Übereifriger war schon im Dunkeln aufgebrochen. Die Restlichen brachen mehr oder weniger zusammen auf.

Aber was war das? Einer ging nach Süden, eine kleine Gruppe wandte sich nach Osten. Wieder andere brachen in die Richtung auf, aus der der blinde Großvater und seine Enkelin gekommen waren …

„Großvater, Großvater“, rief aufgeregt das kleine Mädchen, die Augen weit aufgerissen vor Staunen und Unglauben. „Sie brechen alle in ganz verschiedene Richtungen auf. Haben wir denn nicht alle das gleiche Ziel?“

„Ja, sagte der Großvater. Wir haben alle das gleiche Ziel.

Aber wir haben nicht den gleichen Weg.“

So habe ich die Geschichte, die mein Freund Michele beim Seminar in Lugano erzählt hat, gehört. Und so habe ich sie weitererzählt. In vielen Vorträgen und Seminaren ist sie mir eine der liebsten Geschichten geworden, wenn es darum geht, zu erklären, warum es allein im Buddhismus 84.000 Wege gibt. Genau so viele unterschiedliche Wege, wie es Menschen gibt. Denn vor über 2.000 Jahren glaubte man, dass es nicht mehr als 84.000 Menschen auf dieser Erde gebe. Heute sind es sieben Milliarden Wege. Jeder Mensch hat einen anderen, einen einzigartigen und einen ganz besonderen.

DEN Weg aber, den gibt es nicht! Vor allem nicht den allein selig machenden und einzig richtigen!

Was die Geschichte vom blinden Derwisch und seiner Enkelin betrifft, so hat sie eine ernüchternde Wendung genommen. Ich habe inzwischen den Film ausfindig machen können und ihn mir angesehen. Er ist wirklich eine ganz besondere Perle der Filmkunst. Ein blinder Derwisch spielt tatsächlich die Hauptrolle zusammen mit einem süßen kleinen Mädchen. Auch die Geschichte vom Zwischenstopp in der Oase kommt darin vor … nur ist sie ganz anders. Lange nicht so schön, wie meine Freund Michele sie erzählen konnte.

Was tut man nicht alles für eine gute Story. Und manchmal macht die Art, WIE man etwas sagt, viel mehr Spaß und ergibt mehr Sinn als das, WAS man sagt.

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