Verstehen ohne Worte – 3 Glas Wasser und Meditation

24. September 2014

Verstehen ohne Worte

Die wunderbarste und überzeugendste Erklärung, was genau bei der Meditation passiert, habe ich Ende der siebziger Jahre von einem japanischen Zen-Meister – Shoju Suzuki Roshi – erhalten.

Er war zusammen mit zwei Mönchen auf Einladung eines christlichen Seminarhauses nach Deutschland gekommen und hatte dort ein einwöchiges intensives Meditationsseminar – ein »Sesshin« – geleitet: Ganz früh aufstehen, bewegungslos sitzen bis zum Frühstück um halb sieben. Dann kurze Pause und von acht bis zwölf wieder sitzen. Schweigend essen. Überhaupt alles geschah still und in tiefem Schweigen. Selbst die kurze Mittagsruhe nach dem Essen wurde einsam undstill verbracht. Dann die Nachmittagssession. Teepause. Sitzmeditation. Abendessen. Wieder Sitzmeditation. Zehn bis vierzehn Stunden lang.
Jeden Tag!
In der Ödnis des Schweigens gab es jeden Tag ein einziges Highlight. Der Meister gab ein »Tejo«, die traditionelle Lehrrede eines Roshi. Im Kloster in Japan wurde so die Lehre des Buddha weitergegeben. Viele Lehrreden bedeutender Zen-Meister sind als unorthodoxe Auslegungen oder auch als eigenwillige Kommentare bis heute berühmt und bekannt.
Auch hier in Deutschland gab es diese Vorträge. Genau eine halbe Stunde lang, jeden Tag. Allerdings gab es keinen Übersetzer. Und Shoju Suzuki Roshi sprach kein Englisch. Das einzige entzifferbare Wort, das ab und zu aus seinem japanischen Gebrummel herausstach, war: »Happihappihappi …«, und ich verstand erst ganz am Ende, dass er vermutlich das englische »Happy, Happy, Happy« gemeint hatte. Sein breites Grinsen half mir bei dieser Interpretation.
Keiner der Seminarteilnehmer hatte eine Ahnung, was der Meister in seinen Vorträgen sagte. Und vermutlich wusste auch keiner von uns, was es zu bedeuten hatte, als der Meister bei seinem Vortrag am ersten Tag ein Tablett mit drei hohen Gläsern vor sich auf den Boden stellte. Jedes der drei Gläser war mit der gleichen Menge Wasser gefüllt. Sie standen nebeneinander aufgereiht, als der Meister mit viel japanischem Kommentar in eines von ihnen ein paar Löffel Salz kippte und umrührte. Dann zerbröselte er mit seinen Fingern trockene Erde, Ackerkrume oder Dreck, und füllte diesen braunen Staub in ein weiteres Glas. Auch die jetzt entstandene Brühe rührte er mit einem Löffel um; »Matschepampe« nannten meine Kinder das früher. Das dritte Glas ließ er unberührt.
Keiner von uns hatte die geringste Ahnung, was dieses Gerühre und Gemansche sollte.

Und mir war das auch völlig egal! Ich hätte jeder seiner Präsentationen stundenlang zuhören können, ohne ein einziges Wort zu verstehen, solange ich nicht wieder unbeweglich sitzen musste!
Jeden Tag schweigen. Sitzen und schweigen. Alle waren ausgelaugt. Ausgebrannt. Leer vor Erschöpfung. So viel Langeweile und so viel Ungeduld gleichzeitig. Alles hatte sich erschöpft. Selbst die Erschöpfung war zu müde geworden, um erschöpft zu sein.
Alle Emotionen waren durchgekaut. Mehrmals. Und so, wie ein alter Kaugummi keinen Geschmack mehr hat, war irgendwie alles gleichwertig geworden. Und gleichzeitig war jedes Detail besonders geworden. Als hätte man es zum ersten Mal erlebt.

Am vorletzten Tag des Sesshin, bei seinem letzten Vortrag, zauberte der Roshi plötzlich aus einem Schrank an der Wand hinter sich wieder das Tablett hervor. Wir alle hatten es vergessen. Jedenfalls war es für mich mehr als überraschend, dass eines der vielen unverstandenen Themen der vorangegangenen Tage – unvermittelt und für alle sichtbar – wieder aufgetaucht war.

Da stand es nun:
Das gleiche Tablett mit den drei Gläsern – gefüllt mit klarem Wasser.

Mit klarem Wasser?

War nicht die Flüssigkeit in dem einen Glas vor sechs Tagen eine einzige braune Brühe gewesen? Hatten nicht Tausende von umherwirbelnden Dreckteilchen das klare Wasser im Glas vollkommen versaut und zu einer undurchsichtigen Schlammbrühe gemacht?

Und jetzt?

Das Wasser war vollkommen klar! Der gesamte Dreck hatte sich auf dem Boden des Glases abgesetzt. Innerhalb von ein paar Tagen der Ruhe hatte sich ein dichtes Kondensat aus braunem Schlamm einfach am Boden niedergelassen. Darüber die gleiche Klarheit – wie in den beiden andern Gläsern auch.

Der Finger des Meisters zeigte auf das linke Glas. Dort war das Wasser unverändert geblieben und er sagte lächelnd:

Buddha!

Dann zeigte er auf das mittlere Glas, in das er Salz eingerührt hatte. Hier sagte er:

Meister!

Und beim dritten Glas – das Glas mit dem Schlamm am Boden – sagte er:

Meditation!

 

Karl Ludwig Leiter – Meditation ist nicht was man denkt.