Wer meditiert – Was ist Ich – Wie die Dinge sind

13. November 2014

Wer meditiert?

Das klingt irgendwie nach einer dummen Frage. Aber auch hier weist eine klug gestellte Frage den Weg zu tiefgründig sinnvollen Antworten.

Wer ist das, der sich für Meditation interessiert? Ist das der frustrierte Mensch, der sich Heilung und Linderung seines Leids erhofft, oder ist es der ehrgeizige Streber, der sich von dieser Methode übernatürliche Kräfte zur Beherrschung seiner selbst sowie anderer verspricht?

Folgen wir den Trends, die uns auf den Hochglanzseiten von Frauenmagazinen mit Lotusblütenoptik, Ayurveda-Wellness und Sandelholzduft Glück und Seligkeit versprechen, oder hat uns eine wissenschaftlich nachgewiesene Statistik überzeugt, dass Meditierende länger leben und seltener an Burn-Out erkranken?

All diese Fragen und all unsere Antworten darauf hängen davon ab, wer wir sind und / oder wer wir glauben zu sein. Wer wir werden wollen und wie wir auf gar keinen Fall enden dürfen. Wer möchte meditieren? Der, der nie und nimmer gut genug ist und jetzt die Lösung für seine grundlegenden Probleme finden muss, oder der, der schon alles hat und das Erreichte nur noch weiter optimieren will? Dient Meditation zur Bestätigung bekannter Ziele und Erwartungen oder zeigt sie neue Wege, eröffnet unbekannte Horizonte? Macht sie Grenzen dicht oder macht sie Türen weit? All das hängt damit zusammen, WIE wir meditieren. Mit welcher Haltung wir uns diesem Thema öffnen.

Durch die Meditation lernen wir, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Aber WIE sind sie denn – die Dinge?

Manche Dinge sind (fast) genau so, wie erwartet, berechnet, geplant und verdient. Aber wie wären die gleichen Dinge und Ereignisse denn, wenn es keinen Planenden, Berechnenden und Erwartenden gäbe und auch niemand da wäre, der alle Ereignisse nach Strafe und Verdienst einordnen könnte? Wenn es den nicht gäbe, der alles entsprechend seiner Wahrnehmung färbt und dann seine Interpretation des Wahrgenommenen mit Wirklichkeit verwechselt. Wir sehen immer nur einen kleinen Ausschnitt der Welt. Als ginge unser Blick durch eine Röhre. Tunnelblick. Diesen winzig kleinen Ausschnitt aus einer unendlich viel größeren Welt nennen wir ICH.

Wenn wir meditieren, dann meditiert zunächst einmal dieses ICH. Und wenn ICH meditiere, dann meditiert auch nur ein beschränkter Ausschnitt der Welt. Und wenn unsere Motivation zu meditieren aus dieser Ecke kommt, dann sind die Ergebnisse unserer Übung von den Erwartungen und Befürchtungen eben dieses einen Blickwinkels geprägt. Wenn die Meditation uns bestätigt, dann freuen wir uns. Wenn sie uns nicht bestätigt, verlieren wir das Interesse.

Glücklicherweise ist echte Meditation viel mehr als das.

ICH meditiere …, das geht eigentlich gar nicht. Weil es das ICH, das meditieren könnte, wie wir gesehen haben, als eigenständige Entität überhaupt nicht gibt. Jedenfalls ist das die buddhistische Haltung zu diesem Thema.

Das klingt nicht gerade berauschend und eignet sich auch nicht als Werbeslogan, um interessierte Neulinge in Meditationsseminare zu locken. Und trotzdem scheint genau das die tieferliegende Motivation zu sein, die uns bewegt und inspiriert.

Irgendwer – oder irgendetwas in uns – möchte meditieren. Nicht weil es das bereits Bekannte bestätigt und vorher festgelegte Erwartungen erfüllt, sondern weil Meditation genau das NICHT macht. Sie bestätigt gerade NICHT unsere Erwartungen und Befürchtungen. Sie eröffnet einen dritten Weg. Einen, der jenseits des Dualismus liegt und nicht im Ping und Pong eines endlos langen Schlagabtauschs gefangen ist.

Das Inspirierende und Nachhaltige der Meditationsübung liegt darin, dass sie immer wieder frisch und immer wieder offen ist. Jeden Augenblick neu. Mit jedem Atemzug kommt frische Achtsamkeit in unser Gefängnis. Frischer Wind in den Mief der Gewohnheit. Klare Sicht im Dämmerlicht der Tunnelwelt.

Wenn unsere Achtsamkeit dem Atem folgt, dann ist am Ende des Aus-Atems NICHTS. Eine Lücke. Etwas Altes ist zu Ende und etwas Neues hat noch nicht begonnen. Ein Atemzug ist ausgeatmet und am Wendepunkt eines neuen Einatmens ist offener Raum – weiter nichts. Nur Raum und Offenheit.

Wenn man zum Beispiel einen Tennisball senkrecht in die Luft wirft, dann scheint er am Scheitelpunkt zwischen Steigen und Fallen mitten in der Luft kurz stehenzubleiben. Das Steigen – das sich Entfernen vom Boden – verlangsamt sich und kommt zu einem Ende. Das Fallen, das Gesetz der Schwerkraft, hat noch nicht zu wirken begonnen. Zwischen Fallen und Steigen, zwischen ein- und ausatmen, zwischen denken und nicht denken, zwischen weg sein und hier sein, zwischen Festem und Offenem, zwischen Halten und Loslassen, zwischen Ping und Pong, zwischen Ja und Nein, zwischen Hoffnung und Furcht … zwischen all diesen vermeintlichen Gegensätzen ist immer auch Raum. Viel mehr Raum und Offenheit, als wir denken. Und auch oft mehr Raum und Offenheit, als wir zu ertragen glauben.

Wir haben Angst vor Raum. Wir – das sind viele Ich’s. ICH hat Angst vor Raum.

Warum?

Weil jedes ICH sich nur durch Grenzen definieren kann. Im grenzenlos offenen Raum kann man sich nicht als etwas Besonderes wahrnehmen. Wenn der Raum endlos offen und weit ist – was er tatsächlich ist –, dann fehlen uns die Abgrenzungen, die Maß-Stäbe, die Vergleiche und die Relationen, mit denen wir uns messen, vergleichen und bestätigen können.

Das, was wir ICH nennen, ahnt, dass es als separate Entität nicht existiert. Gleichzeitig ahnt es aber auch, dass in dieser Erkenntnis die große Befreiung liegt. Es hat Angst davor, dass dieser gigantische Selbstbetrug offensichtlich wird.

Ein Teil dieses ICHs will sich schützen und ein anderer Teil sehnt sich nach Auflösung, Befreiung und Selbsterkenntnis.

Ein Teil von uns ahnt, dass Meditation die einzige Möglichkeit ist, dieses grandiose Lügengebäude aus Selbsttäuschung und Intelligenz Schritt für Schritt zu ventilieren und aufzulösen. Ein anderer Teil von diesem ICH verfällt in Panik, sobald ein Moment der Ruhe, der Stille, des Nachdenkens und der Lücke sichtbar wird. Die Stille, die Ruhe, die Lücke und der offene Raum sind und waren schon immer da. Doch haben wir sie bisher immer erfolgreich hinter dichten Mauern aus Geschäftigkeit und Aktionismus überlagern und in Schach halten können.

Wer meditiert?

Diese Frage ist nicht dumm. Sie ist mehr als berechtigt. Sie ist – wie fast alle Fragen – gleichzeitig der Schlüssel zur Antwort. Denn in jeder Frage steckt gleichzeitig immer auch die Antwort schon drin.

Auszug aus: Karl-Ludwig Leiter | WIE VOR WAS / Arkana Verlag / www.sit-zen.com